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Küstenschutz   Seedeiche   
Seedeich Koehool, Friesland, Ecomare

Seedeiche

Seedeiche wurden gebaut, um die überflutungsgefährdeten Bereiche der Küste zu schützen. Auf 34 von 353 Kilometern Nordseeküste ersetzen Deiche eine zu schwache oder fehlende Dünenkette. Die meisten Seedeiche schützen jedoch die Wattenmeerküste und das Deltagebiet. Die mit Steinen befestigten Seedeichfüße sind - neben Buhnen - die 'Felsen' entlang der sonst sandigen Küstenlinien und haben eine eigene Flora und Fauna. Durch ständingen Landgewinn sind einige Seedeiche landeinwärts gerückt. Manchmal werden noch zusätzliche Deiche hinter den Seedeichen aufgeworfen. Diese Deiche der 2. oder 3. Deichlinie nennt man Schlafdeiche.

  • Die ersten Deiche

    Die Geschichte des Deichbaus in der Warftlandschaft geht weit zurück. Der älteste bekannte Seedeich der Niederlande liegt im friesischen Ort Peins. Er wurde aus aufeinandergestapelten Grassoden gebaut. Archäologen schätzen das Alter des Deiches auf mindestens 2000 Jahre. Im Mittelalter wurden viele Deiche in den Niederlanden aus gepresstem Seegras gebaut. Diese schützten wahrscheinlich einen oder mehrere Höfe mit den dazugehörigen Äckern. Im zehnten Jahrhundert wurden größere Deiche gebaut, die mehrere Dörfer schützten. Noch später wurden ganze Gebiete von einem Ringdeich umgeben, so wie z.B. beim westfriesische Oostergo und Westergo um etwa 1100.
    Durch den Bau von Deichen stand viel mehr Ackerland zur Verfügung, was für die Bauern eine große Verbesserung bedeutete. Für den Handel war der Deichbau weniger günstig: Dörfer, die früher eine offene Verbindung zum Wattenmeer hatten, wurden vom offenen Wasser abgetrennt. Die Folge davon war der Bau eines Netzwerkes von Kanälen, Tiefs, Driften, etc. um den Transport über Wasser möglich zu machen. Es entstanden zu dieser Zeit auch die kleinen Städte und Sieldörfer an der Küste. In Nord-Groningen wurde der älteste Seedeich um 1200 angelegt.
    Die frühen Deiche in (West-)Friesland waren sehr niedrig, man konnte darüber hinweg sehen. Sie waren mit Klei verstärkt und hatten eine schräge Böschung. Später wurden die Deiche immer wieder erhöht, wodurch sie auch breiter wurden. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde die Deiche mit Pfahlreihen verstärkt. Zwischen den doppelten Reihen, die an der Seeseite angebracht wurden, befanden sich Algen oder Schilf, das mit Steinen beschwert wurde. Dadurch entstand eine seewärtige steile Wand, die die Wellen brechen sollte. Senkrecht zu den Deichen wurden Buhnen angelegt. Um 1739 begann jedoch der Schiffsbohrwurm, aus Asien eingeführt, seine vernichtende Arbeit. Um große Katastrophen zu verhindern wurden in den Niederlanden Schlafdeiche hinter den Seedeichen angelegt. Die Regierung wollte Anfang des 19. Jahrhunderts die Deiche mit Steinen aus Drente oder Norwegen schützen. Hiergegen gab es jedoch großen Widerstand, denn die Steine waren teuer. Nach der Sturmflut von 1825 und immer größeren Schäden durch den Schiffsbohrwurm wurden nach 1863 Deiche mit schrägen Böschungen und einer Deckschicht aus Steinen angelegt. An sehr gefährdeten Stellen wurde Basalt verwendet. 1888 waren diese Bauten fertig. Die letzte Deicherhöhung fand in den Niederlanden nach 1953 im Rahmen des Deltaplanes statt.

  • Aufbau eines modernen Deiches
    Aufbau eines modernes Deickes, Ecomare

    Ein Seedeich ist aufgebaut aus einem Deichkörper und einem Deckwerk, das den Deichkörper gegen Erosion durch Wellen, Strömungen und Eisgang schützen muss. Da neue Deiche oft in den Untergrund hineindrücken, muss das Material auch relativ flexibel sein. Früher wurden die Deiche mit Hilfe von Seegras, Stroh, Schilf, Buschwerk, Holzpfählen, Natursteinen und manchmal Ziegelsteinen befestigt. Heute werden oft Betonblöcke, Betonsäulen und Asphalt verwendet.

  • Der Deich unter Wasser

    Der untermeerische Teil eines Schardeiches ist nicht sichtbar, aber sehr wohl wichtig. Das untermeerisch Ufer muss die Unterseites des Deiches gegen das Untergraben durch Meeresströmung und Wellen verhindern. Die Schutzschicht kann aus einer Kunststoffplane mit Steinschüttung bestehen. Dann folgt das Unterwasserdeckwerk aus einer Kunststoffplane und einer Schicht aus großen Steinen. Auf diesen Steinen leben viele Tiere wie Krabben, Seeanemonen, Ascidien und Schalentieren, aber auch allerlei Algen und Tange. Das Unterwasserufer stützt den Deichkörper und ist oft aus Sand oder Kies aufgebaut. Auch Erzschlacken werden hier eingebaut.

  • Senkrahmen
    Senkrahmen, Ecomare

    Senkrahmen werden häufig in Kombination mit Deichen verwendet, da sie sich günstig auf den Sandhaushalt vor dem Deich auswirken. Normalerweise wird der Sand vor dem Deich von der Strömung weggespült. Dieses sogenannte Sandentzugsloch verlagert sich durch das Auslegen der Senkrahmen weiter seewärts, was die Stabilität der Seedeiche verstärkt und sie weniger anfällig für Erosion macht. Damit die Senkrahmen an Ort und Stelle bleiben, werden sie mit Basaltblöcken oder anderen schweren Materialien bedeckt.

  • Der Deich über Wasser
    Zehkonstruktion der Hondsbossche Zeewering, Ecomare

    Unten am Deich sieht man oft eine Reihe von Pfählen. Diese Pfähle, die bis zu 2 Meter lang sind, bilden die 'Zehkonstruktion' und verhindern das Herunterrutschen der anderen Schichten. Darunter folgt eine Schicht aus Basalt- oder Betonblöcken, die auf einem grobkörnigen Material aufliegen. Zwischen den Steinen ist viel Platz, so dass das Wasser hier leicht wegsacken kann. Durch die grobkörnige Schicht kann das Wasser dann wieder zurück ins Meer fließen. Auf diese Art und Weise werden die Wellen absorbiert und der Deichkörper geschützt. Oberhalb dieser Filterschicht liegt der Asphalt. Dies ist eine wasserdichte Schicht, die auch 'geschlossene Bedeckung' genannt wird. Sie schützt den Deichkörper gegen Aushöhlungen und Abbrüchen. Die Deichkrone und die Landseite des Deiches bestehen aus einer mit Gras bewachsenen Kleischicht. Diese Kleischicht schützt den Deich vor dem Wasser und hält den darunter liegenden Sand fest. Die Grasschicht ist wichtig: die Wurzeln sorgen für eine feste Struktur, so dass der Klei nicht weggespült wird. Zudem trocknet der Klei durch die Grasschicht nicht aus.
    Deiche, wie sie hier beschrieben werden, sind vornehmlich in den Niederlanden zu finden. Die Deiche in Deutschland weichen etwas davon ab, so haben sie selten eine Asphaltschicht, sondern sind auch seeseitig mit Gras bewachsen.

  • Sind die Deiche wasserdicht?
    Normalen und zu schwaches Gefälle im Deich., Ecomare

    Kein einziger Deich ist wasserdicht. Da die Deichbedeckung der Seeseite wasserdurchlässig ist, sickert immer ein wenig Wasser vom Meer durch den Deich hindurch. Der Deich muss darum so aufgebaut sein, dass das Wasser einigen Widerstand erfährt, wodurch eine sogenanntes 'normales Gefälle' entsteht. Diese Linie gibt den Grundwasserstand innerhalb eines Deiches an und muss vom Meeresniveau hinunter zum Binnenwasserstand verlaufen. Man kann ein normales Gefälle erreichen, indem man gut verdichteten Sand nimmt: Sand mit wenig Raum für Wasser zwischen den Sandkörnern.
    Lässt der Deich zuviel Wasser durch, quillt salziges Grundwasser (Qualmwasser) an der Landseite wieder an die Oberfläche. Dies ist unerwünscht, denn durch den Druck des Wassers kann die Kleischicht des Deiches angegriffen werden. Dadurch kann der Deich nachgeben.
    Landwirte sind ebenfalls mit dem Salzwasser binnendeichs nicht einverstanden, denn das Salz behindert das Wachstum der Ackerpflanzen. Verwalter von Naturgebieten am Seedeich schätzen dagegen ein gewisses Maß an Salzwasser, denn dadurch entsteht in den Gebieten eine Brackwassersituation, mit den dazugehörigen besonderen Pflanzen und Tieren.

  • Deichhöhe
    Deichverstärkung, Ecomare

    Wie wird die Höhe eines Deiches bestimmt? Die Deiche werden so entworfen, dass ihre Höhe gleich der maximalen Wasserhöhe eines Supersturmes ist, der statistisch gesehen einmal in 10.000 Jahren auftritt. Ein Deich dieser Höhe wird dann theoretisch einmal in 10.000 Jahren überflutet. Diese Deichhöhe wird aus den historischen Daten über maximale Wasserstände abgeleitet.
    Im Laufe des vorigen Jahrhunderts sind die Seedeiche in den Niederlanden zweimal erhöht worden. Im Rahmen der 'Zuiderzeewerke' wurden alle Deiche, wo nötig, auf eine Höhe von 4,30 Meter über NAP gebracht (= Zuiderzeehoogte). Nach der Flutkatastrophe von 1953 beschloss man, dass alle Küstenschutzwerke bis auf 7,65 Meter über NAP erhöht werden mussten. Das nennt man das 'auf Deltahöhe bringen' der Deiche. In der oberen Abbildung ist die Verstärkung und Erhöhung an der Innenseite des Deiches angegeben. In einigen Fällen wurde aus landschaftlichen oder technischen Gründen die Verstärkung Außendeichs angelegt.

  • Deiche in den Niederlanden
    Seedeich mit Löwenzahn, Ecomare

    Nordseedeiche findet man in Zeeuws-Vlaanderen, an den Delta-Inseln, ein wenig nördlich von Hoek van Holland, bei Petten (Hondsbossche Zeewering), bei Den Helder und an der Nordspitze von Texel (het Bolwerk).
    An den Delta-Flüssen und dem Wattenmeer liegen nahezu überall Seedeiche, die die dahinterliegenden Polder gegen hohe Wasserstände schützen. Ausnahmen bilden hier die Strandflächen auf allen Watteninseln, die Salzwiesen auf Vlieland, Terschelling, Ameland und Schiermonnikoog sowie die unbewohnten Inseln.
    Seit 1990 ist der Bau neuer Nordseedeiche gestoppt worden, jetzt sind Sandaufspülungen die wichtigste Form des Küstenschutzes.

  • Deichscharte
    Deichscharte in einem alten Seedeich, Wim Bouwland, www.bouwland.org

    An vielen Stellen sind die alten Deiche von Straßen durchschnitten. Diese Öffnung nennt man Deichscharte oder Deichtor. Das Loch im Deich muss im Notfall natürlich geschlossen werden, denn auch die Schlafdeiche haben noch eine Funktion im Küstenschutz. Darum steht neben eines solchen Durchfahrtweges oft ein Häuschen mit Dammbalken, mit denen im Ernstfall die Öffnung verschlossen wird. In den Dollartpoldern gibt es keine Dammbalken, sondern Stemmtore, die dann geschlossen werden.

  • Deichbrüche

    Deichbrüche können bei schweren Stürmen entstehen, die für einen hohen Wasserstand und hohe Wellen sorgen. Sobald ein Loch im Deich entstanden ist, entsteht landeinwärts eine Strömungsrinne. Ist diese mehr oder weniger schüsselförmig, dann wird es 'Kolk' oder örtlich auch 'Wehle' genannt. Um den Deichdurchbruch zu stopfen, kann man das Loch mit Sandsäcken füllen, dies funktioniert aber nur für kurze Zeit. Ein Damm oder ein Notdeich um den Kolk herum kann dann die Lösung sein. Auch kann im Kolk ein Caisson oder Fahrzeug, beladen mit Sand oder Steinen, abgesenkt werden. Nach der vorläufigen Reparatur des Deichdurchbruches kann aus dem Notdeich um den Kolk ein echter Seedeich gebaut werden. Muss der schwache Deich über eine längere Strecke ersetzt werden, wird oft auch ein neuer Deich an der seewärtigen Seite gebaut.

  • Sicherheit der Deiche
    Arbeiten an einem Wattenmeerdeich, Ecomare

    1995 ist in den Niederlanden das Gesetz über die Küstenschutzbauten (Wet op de Waterkering) in Kraft getreten. Die Deichverwalter sind verpflichtet, alle 5 Jahre den Deich hinsichtlich der Normen auf dem Gebiet der Sicherheit zu überprüfen. Die Basisnorm fordert, dass ein Deich extreme Umstände, wie sie einmal in 4000 Jahren auftreten können, satndhalten können muss. Der Bericht landet letztendlich beim Minister von Verkeer en Waterstaat.
    Einige Deiche sind zu niedrig oder instabil, das wurde aus der regelmäßigen Deichschau von Rijkswaterstaat und der Hoogheemraadschap Hollands Noorderquartier Anfang 2006 deutlich. Der Abschlussdeich von 1932 verfällt und müsste dringend verstärkt werden. Als Bemessungsgröße für diesen Deich wird ein Supersturm angenommen, der einmal in 10.000 Jahren vorkommen kann. Darum muss der Abschlussdeich von 3,5 m über NAP auf 5,5 m über NAP erhöht werden, was zwischen 100 und 400 Millionen Euro kosten wird. Auch die Hondsbossche und Pettemer zeeweringen sind Schwachpunkte. Der Wattenmeerdeich auf Texel sowie einige andere Deiche auf den Inseln, in Friesland und Noord-Holland sind ebenfalls nicht ausreichend stabil. Ein Teil des friesischen Wattenmeerdeiches ist über eine Länge von sechs Kilometern sogar in einem sehr schlechten Zustand. Woher die Hunderte Millionen Euro für die Deichverstärkungen kommen sollen, ist noch unklar.
    Die acht Schwachpunkte in den Nordseedeichen, u.a. die Hondsbossche und die Pettemer zeewering, werden zwischen 2007 und 2010 in Angriff genommen. 96 Millionen Euro stehen hierfür zur Verfügung.
    In Friesland und Groningen sind laut Wetterskip Fryslan nur 18% der Deiche in Ordnung. Berechnungen zeigen, dass bei einem großen Durchbruch des Wattenmeerdeiches theoretisch 1000 Menschen getötet werden könnten und ein Schaden von 100 Milliarden entstünde. Für die Sanierung der Deiche sind nur 90 Millionen Euro nötig.
    Für die Erhöhung der Sicherheit des Abschlussdeiches wurden 2008 acht Pläne dem Ministerium präsentiert. In einem der Pläne wurden an der Wattenmeerseite extra Salzwiesen angelegt, auch im Hinblick auf die Natur und den Tourismus. Die Twede Kamer wird im Dezember 2008 eine Wahl treffen, danach werden einige der Pläne weiter ausgearbeitet.

  • Schwachpunkt Hondsbossche Zeewering
    Hondsbossche Zeewering, Ecomare

    Ein Schwachpunkt ist die Hondbossche Zeewering bei Petten, Noord-Holland. Dieser Deich wurde als unsicher beurteilt, nachdem TNO die neuesten Wellenenergie-Rechenmodelle während eines Supersturmes auf diesen Deich hat laufen lassen. Die Verstärkung dieses Deiches hat darum eine hohe Priorität auf der Liste des Küstenschutzes bekommen. Eine Erhöhung der Hondsbossche Zeewering ist nicht die beste Option. Der Deich müsste um 1,5 bis 3,5 m erhöht werden. Aus einer Studie des Projektbüros Kustvisie 2050 kam heraus, dass eine Reihe von Buhnen, in Kombination mit einer großen Sandaufspülung, weniger Geld kosten würde und genauso wirkungsvoll wäre.
    Als Zwischenlösung wurde 2005 eine stählerne Dammwand in die Krone des Deiches geschlagen, so wie es auch bei der Pettemer Zeewering geschehen ist. Zudem wurde das Gras an der Oberseite des Deiches durch ein Schachbrettmuster aus Basaltblöcken ersetzt.

  • Am Marsdiep

    Bei Den Helder spült die starke Strömung im Marsdiep die Steine am Fuße des Deiches weg. Der Deichfuß muss durch zusätzliche Natursteine verstärkt werden. Die Kosten dieser Arbeiten werden auf 1,45 Millionen Euro geschätzt.

  • Deiche in der Zukunft

    In Bellingwolde (Groningen) wird ein Testdeich angelegt, der mit der modernsten Sensortechnologie gefüllt ist. Der Zustand des Deiches kann so elektronisch überwacht werden. Die Wasserverbände müssen in Zukunft in der Lage sein, die Deiche 24 Stunden am Tag zu bewachen. Dadurch kann schnell gehandelt werden, wenn sich der Zustand des Deiches verschlechtert und ein Durchbruch und eine Überflutung drohen. Wenn der Test erfolgreich ist, werden zukünftig auch andere Deiche mit Sensoren ausgerüstet.

  • Salwiesenpuffer
    Salzwiesenpuffer, Quelle: www.duurzaamzeeland.nl

    In Zeeland wird über die Einrichtung von Salzwiesenpufferzonen nachgedacht. Vor dem Hauptdeich liegt eine breite Salzwiese, die durch Aufschlickung mit dem Meeresspiegelanstieg mitwachsen kann. Die Provinz Zeeland steht für diese alternative Methoden des Küstenschutzes offen.

  • Die Pflege der Deiche

    Im Gesetz zum Küstenschutz ist geregelt, dass in den Niederlanden die Pflege der Deiche von lokalen sogenannten "Waterschappen" (entsprechen etwa den Deichachten in Deutschland) übernommen wird, auf Texel z.B. die Hoogheemraadschap. Eine Ausnahme bilden einzelne Seedeiche entlang de Küste und der Abschlussdeich, der unter der Aufsicht von Rijkswaterstaat (Staatliche Wasserbau- und wegbehörde) steht.